Als ich letzte Woche die Edge Computing World-Konferenz besuchte, fielen mir einige interessante Aspekte auf, die ich hier gerne teilen möchte. Der Grund für meinen Titel ist zunächst meine Beobachtung, dass technische Begriffe wie Edge oder Cloud heutzutage ziemlich freizügig verwendet werden, was dazu führt, dass die Begriffe fast bedeutungslos werden. Fast jeder Aggregationsknoten in einer verteilten Architektur wurde als „Micro Cloud“ oder „Cloud at the Edge“ bezeichnet.
Dabei spielte die Unkenntnis einiger zentraler Eigenschaften der Cloud offenbar kaum eine Rolle; Skalierbarkeit oder Elastizität allen voran. Aus Sicht des Edge-Knotens bietet der Aggregationsknoten keine charakteristischen Cloud-Funktionen (der Aggregationsknoten ist im Prinzip eine Blackbox, eine Aggregations- und Verarbeitungseinheit ohne weitere Eigenschaften). Auch aus Sicht der hierarchisch höher angesiedelten Knoten bietet der Aggregationsknoten keine charakteristischen Cloud-Funktionen. Natürlich lassen sich nicht einfach zusätzliche Edge-Knoten schaffen; schließlich geht es hier in der Regel um Hardware und nicht um virtuelle Kapazitäten wie zusätzliche virtuelle Maschinen.
Es macht wenig Sinn, Edge und Cloud auf eine so kleine Teilmenge ihrer Eigenschaften zu reduzieren, da beide Begriffe dann zu leeren Hüllen statt zu sinnvollen Konzepten verkommen. Tut man dies jedoch, stellt sich die Frage, ob Edge sich bereits im Auflösungsprozess befindet, oder ob wir Begriffe neu definieren müssen (obwohl es dafür rein sachlich eigentlich wenig Anlass gibt), um der veränderten Sicht auf die verschiedenen Schichten innerhalb des Edge-Cloud-Kontinuums Rechnung zu tragen. Dies weckt den Verdacht, dass hier betriebswirtschaftlich motivierte Kräfte im Spiel sind.
Edge-Interoperabilität? Oder Vendor Lock-In?
Damit komme ich zu einem weiteren Aspekt: Interoperabilität. Indem traditionelle Service-Provider mittlerweile Hardware verkaufen (z.B. Amazon Snow) und traditionelle Hardware-Provider Services (z.B. Schneider Electric), steigt die Zahl der Player auf beiden Seiten. Dies birgt die Gefahr einer reduzierten Interoperabilität, da die neuen Vollspektrum-Player ihren Kunden die Vorteile „homogener Lösungen“ verkaufen. Solange man innerhalb eines Systems bleibt, ergeben sich sicherlich Vorteile, da Hard- und Software aufeinander abgestimmt sind und auf systemspezifische Austauschmechanismen zurückgreifen können. Vendor Lock-in ist jedoch unausweichlich, wenn Anbieter eigene Austauschformate, Schnittstellen und konzeptionelle Modelle definieren. Sobald unterschiedliche Systeme integriert werden müssen, wird die Entwicklung entsprechender Brücken oder Transformationen unumgänglich sein.
Mit der wachsenden Zahl von Systemen und entsprechenden Plattformen (zwei weitere Begriffe, die häufig synonym verwendet werden) steigt die Zahl plattformspezifischer Formate und Schnittstellen – und die Interoperabilität leidet. Was in anderen Bereichen wie der Erdbeobachtung erreicht wurde – wo Vereinbarungen über standardisierte Schnittstellen und Datenmodelle die Interoperabilität gefördert haben – ist für die Edge-Community noch relativ neu. Die Edge-Community befindet sich in den allerersten Phasen der Entwicklung hin zu interoperablen (vielleicht sogar offenen) Systemen, die die Generierung komplexer Workflows über System- oder Plattformgrenzen hinweg deutlich vereinfachen – oder überhaupt erst ermöglichen. Über einzelne Systeme hinauszugehen ist unvermeidlich: Multisystem-Workflows ermöglichen tiefe Einblicke in domänenspezifische Systeme oder Umgebungen und sind notwendig, um die großen Herausforderungen unseres Jahrhunderts, wie unseren Klimawandel, ganzheitlich anzugehen.
Nachhaltige Lösungen für das Gemeinwohl
Mit maßgeschneiderten Plattformen lässt sich derzeit noch viel Geld verdienen. Inwieweit diese Plattformen geeignet sein werden, die großen Herausforderungen unseres Jahrhunderts anzugehen, bleibt abzuwarten. Edge ist in Goldgräberstimmung und ich gönne es jedem, daraus Geschäftserfolge zu entwickeln. Allerdings ist die Welt extrem komplex und ich bezweifle, dass diese Komplexität mit den aktuellen, auf Abschreibung getrimmten Systemen ausreichend berücksichtigt werden kann. Ich habe von Beispielen gehört, in denen Fischfarmen vierzehn parallele Edge-Systeme betreiben, um den Status der Farm zu überwachen. Das sind vierzehn parallele Dashboards. Andere Organisationen berichten, dass sie über 100 Softwarelösungen unterhalten, um den Gesundheitszustand von Fertigungsmaschinen zu überwachen. Die meisten davon sind nicht interoperabel, was zusätzliche Kosten verursacht, sobald mehrere Maschinen eine Einheit bilden, die als System überwacht werden muss. Also, wo stehen wir mit Edge? Mit über 270 Billionen USD prognostiziertem Umsatz in den nächsten 30 Jahren (Zahlen, die McKinsey auf der Konferenz vorlegte) wird allein der Klimawandel viele neue Einhörner hervorbringen. Bleibt zu hoffen, dass dabei die Interoperabilität nicht auf der Strecke bleibt – oder dass genügend dieser Einhörner mit nachhaltigen Lösungen, die zum Gemeinwohl beitragen, Profit machen.